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Gebet des Klosters am Rand der Stadt


J
emand muss zuhause sein, Herr,

wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten,
unten am Fluss vor der Stadt. 

Jemand muss nach
dir Ausschau halten,
Tag und Nacht.

Wer weiß denn, wann du kommst? 

 

Herr,
jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter seines Hauses,
durch die Gitter – 

durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt. 

 

Jemand muss wachen,
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden, Herr,
du kommst doch in der Nacht,
wie ein Dieb. 

Wachen ist unser Dienst.
Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran, dass du kommst?

Dass du ihr Herr bist
und sicher kommst? 

Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen,
wo immer du kommst. 

Herr, durch meine Zellentür
kommst du in die Welt
und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst? 

Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben
sind wir da, –
draußen,
am Rand der Stadt.

Herr,
und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun
mit allen anderen
und für sie.

Und jemand muss singen, Herr,
wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust,
die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist
und wunderbar, wie keiner. 

Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern
unten am Fluss
wartet die Stadt auf dich.
Amen.

Silja Walter