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Weihnachtsgruß von Weihbischof Dieter Geerlings


Gott setzt den Anfang

Coesfeld / Recklinghausen. Einen Gruß zu Weihnachten soll ich schreiben. Vor mir ein leeres Blatt Papier. Während ich darüber nachdenke, höre ich eine Stimme: "Lass mich deinen Gruß schreiben" – "Wer bist du?" – "Ich bin der Prophet Jesaja. Vom weihnachtlichen Retter wisst ihr alleine durch mich."

Jaja. Aber irgendetwas wehrt sich in mir. Seit zirka 3000 Jahren verspricht der Prophet Frieden, dass alle Welt in Frieden leben wird. Aber wie sieht es heute aus!?

Jesaja spürt meine Skepsis. "Ich habe von der Liebe und vom Leben geredet, von Versöhnung und Frieden, als die Israeliten unterdrückt wurden. Die Ursachen von Unfrieden kenne ich. Er fängt ja nicht in Afghanistan, in Syrien oder im Irak an. Unfriede beginnt in uns selber, im Herzen. Er beginnt damit, dass die Menschen Gott loswerden wollen und Götzen der Macht hinterherlaufen."

Aber das als Gruß zu Weihnachten? Ich weise den Propheten zurück und spüre dann an der Stimme seine Enttäuschung: "Nie habt ihr Menschen die Wahrheit hören wollen …"


Der Rufer in der Wüste

"Dann lass mich den Gruß schreiben", höre ich eine andere Stimme. "In bin die Stimme des Rufers in der Wüste, der Umkehr predigt."

"Das geht auch nicht", sage ich. "Den meisten bei uns geht es hier mehr oder weniger gut. Warum umkehren und wohin?"  Johannes der Täufer widerspricht: "Kennst du die Menschen wirklich? Wer wie ich aus der Wüste kommt, kennt sie – mit ihrem Hunger nach Gerechtigkeit und Erfüllung, mit ihrem Durst nach Liebe. Ich würde schreiben: Wüstenerfahrungen sind heute notwendig."

Da meldet sich die Stimme Marias: "Ich könnte den Gruß schreiben. Wer weiß mehr über Weihnachten als ich!" "Nun gut, aber in heutiger Zeit über die Jungfrau Maria reden? Wer will das schon begreifen?" "Müssen wir immer alles begreifen, was Gott tut?" höre ich die Stimme Marias. "Gott setzt doch den Anfang, nicht der Mensch. Gott wird Mensch, nicht umgekehrt. Und ich bin keine liebreiche Krippenfigur. Mein weihnachtliches Lied ist schon revolutionär, mein Magnifikat. Ich singe von dem Gott derer, die noch offen sind für frohe Botschaft und nicht glauben, sie seien selber die Botschaft."


Dankbar für Hilfe

Maria spricht dann von der Flucht mit dem Kind. Meine Gedanken schweifen etwas ab. Ich denke an die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die ohne Eltern, völlig allein auf sich gestellt in unser Land kommen, Schlepperbanden ausgeliefert. Im letzten Jahr mehr als 6600 Kinder und Jugendliche. Ich denke auch an die vielen in den Kinder- und Jugendheimen, die sich um sie kümmern, denke auch an die vielen Helferinnen und Helfer, berufliche und ehrenamtliche, die bei uns in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Hat das Lied Marias sie dazu ermutigt? Jedenfalls in mir  kommen Gefühle der Dankbarkeit auf für solche Hilfsbereitschaft.

Da höre ich wieder ihre Stimme: "Schreib den Menschen einen Gruß, sie sollen selber Gott zur Welt bringen." Dann schweigt Maria, wie sie auch sonst in der Bibel eigentlich nur schweigt.

Ich weiß jetzt, was ich als Weihnachtsgruß schreibe. Gesegnete Weihnachten.

Ihr + Dieter Geerlings, Weihbischof für die Region Coesfeld/Recklinghausen