Info aus der Dülmener Zeitung von Claudia Marcy

Eine Freundin – Pfarrer Peter Nienhaus über die Bedeutung, die Anna Katharina Emmerick für uns haben kann.

Dülmen . Am Pfingstmontag wird anlässlich des zehnten Jahrestages der Seligsprechung von Anna Katharina Emmerick der neue Pilgerweg Anna Katharina Emmerick eingeweiht. Der gut 60 Kilometer lange Radrundwanderweg verbindet Coesfeld, wo das Geburtshaus der Seligen steht, und Dülmen, wo Grab- und Gedenkstätte der Emmerick in der Heilig-Kreuz-Kirche sind, miteinander. Über die Bedeutung von Anna Katharina Emmerick, über ihre Wirkung und die Auseinandersetzung mit ihr sprach DZ-Redakteurin Claudia Marcy mit Peter Nienhaus, Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz sowie Vorsitzender des Emmerick-Bundes.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Anna Katharina Emmerick?
Nienhaus: Es war 1992. Ich kam als Diakon in die Gemeinde Heilig Kreuz. Hier hat mich Pfarrer Dr. Clemens Engling mit Anna Katharina Emmerick und der Arbeit des Emmerick-Bundes bekannt gemacht. Von meiner Mutter, die ja Dülmenerin ist, hatte ich schon vorher von der Emmerick gehört. Aber ich wusste wenig von ihr.

Das hat sich dann in Dülmen schnell geändert?
Nienhaus: Es ist verblüffend, wie viel von Anna Katharina dokumentiert ist - und dennoch entdeckt man immer wieder Neues. Was Skeptiker überzeugt hat und was auch heute noch an ihr fasziniert: Emmerick hat sich Lebensthemen gestellt. Sie hat sich mit Leid, Tod oder Beziehungen beschäftigt. Sie war ein reflektierter Mensch, sehr sensibel, empfänglich für Zwischentöne. Und sie hatte ein äußerst feines Gespür dafür, welchen Verlockungen Menschen - auch sie selbst - erliegen können, zum Beispiel den Verlockungen durch Ansehen und Macht. Es ist sicherlich falsch, sie als naives Duldergeschöpf zu sehen. Das war sie nicht.

Würden Sie Anna Katharina Emmerick als Freundin bezeichnen?
Nienhaus: Max Frisch hateinmal gesagt, es sei gut, auch Freunde unter den Toten zu haben. Für mich ist die Emmerick - neben anderen - eine Freundin unter den Toten. Sie hilft mir dabei, Beziehungen zu der jenseitigen Welt und zu Gott zu suchen und zu halten.

Vor zehn Jahren wurde Anna Katharina Emmerick selig gesprochen. Was hat sich seitdem in der Gemeinde Heilig Kreuz verändert?
Nienhaus: Die Seligsprechung hat Anna Katharina Emmerick in den Mittelpunkt des Interesses gerückt - und zwar weltweit. Gerade in der ersten Zeit nach der Seligsprechung kamen sehr viele Gruppen zu ihrem Grab hier nach Dülmen. Das ist inzwischen weniger geworden, aber das Interesse ist ungebrochen. Wir schätzen, dass jährlich zwischen 1000 und 2000 Pilger ihr Grab besuchen.

Viele Menschen legen Zettel mit Wünschen und Bitten auf ihr Grab ...
Nienhaus: ... und erfahren Hilfe. Es gibt immer wieder Zeugnisse, dass sie geholfen hat.

Sind die Bitte um Hilfe oder Fürsprache bei Gott Ausdruck einer Volksfrömmigkeit?
Nienhaus: Ja. Ebenso wie Lichterprozessionen oder Andachten, die in unserer Gemeinde stattfinden. Aber bei aller Verehrung, die Anna Katharina Emmerick zuteil wird, muss man sagen: Sie ist eine sperrige Selige. Das, was ihre Zeitgenossen befremdet hat - ihre Visionen, ihre Wundmale, ihre Nahrungslosigkeit - macht sie uns auch heute fremd und nicht leicht verständlich.

Spielte Anna Katharina Emmerick für den Fusionsprozess der Gemeinden Heilig Kreuz und Maria Königin hier in Dülmen eine Rolle?
Nienhaus: Man kann es vielleicht so ausdrücken: Anna Katharina Emmerick war eine stille Begleiterin der Fusion. Ihre Gedenkstätte wurde lange von den Augustinermönchen in Maria Königin betreut, während die Grabstätte in Heilig Kreuz war. Als 2004/2005 die Kirche Heilig Kreuz renoviert, das Grab umgestaltet und unter der Krypta die Anna-Katharina-Emmerick-Gedenkstätte eingerichtet wurde, wurden ihre Gebeine vorübergehend nach Maria Königin gebracht.

Hat sich die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Anna Katharina Coesfeld seit der Seligsprechung verstärkt?
Nienhaus: Es gab immer viele Berührungspunkte - zwischen dem Emmerick-Bund in Dülmen und dem Anna-Katharina-Emmerick-Verein in Coesfeld, der sich für das Geburtshaus verantwortlich fühlt. Zur Seligsprechung 2004 wurde der Radpilgerweg zwischen Dülmen und Coesfeld ausgearbeitet, der jetzt zum Rundweg erweitert worden ist. In Coesfeld wird nicht nur der zehnte Jahrestag der Seligsprechung, sondern auch der zehnte Jahrestag der Fusion zur Gemeinde Anna Katharina gefeiert. Die Coesfelder nehmen in ihrem Namen und ihrem Leitbild ganz direkt Bezug auf Anna Katharina.

Es sind gemeinsame Veranstaltungen geplant?
Nienhaus: Wir besuchen die Coesfelder zum zehnjährigen Fusionsjubiläum, die Coesfelder kommen umgekehrt nach Dülmen zum Jahrestag der Seligsprechung. Wir haben die gemeinsamen Veranstaltungen unter den Begriff „Verbunden“ gestellt. Er ist mehrdeutig gebraucht. So nimmt er auf die Verbundenheit unseren Gemeinden Bezug, auf die Verbundenheit der Emmerick zu uns, die Verbundenheit zwischen den Menschen und Gott, und schließlich auf die Emmerick selbst, die wir von Bildern ja nur als mit Wickeln Verbundene kennen.

Der Radwanderweg Anna Katharina wird von dem Marketingvereinen in Dülmen und Coesfeld eher weltlich vermarktet: die Emmerick als Frau mit einer ungewöhnlichen und interessanten Biografie. Stört Sie das?
Nienhaus: Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich sehr, wenn ein Interesse an Anna Katharina Emmerick besteht, sie als Person der Zeitgeschichte gesehen und gewürdigt und noch bekannter gemacht wird.


Anna Katharina Emmerick (1774-1824) wurde am 3. Oktober 2004 von Papst Johannes Paul II. in Rom selig gesprochen. Ein erster Seligsprechungsprozess, der im 19. Jahrhundert eingeleitet worden war, wurde 1928 beendet.