Juli
So Mo Di Mi Do Fr Sa
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4

Predigt von Bischof Felix Genn in der Mitternachtsmette 2013

25.12.2013

Bischof FelixBistum. Bischof Felix Genn hat in der Nacht zu Mittwoch (25.12.2012) die Christmette im St.-Paulus-Dom in Münster gefeiert. – kirchensite.de dokumentiert die Vorlage seiner Predigt.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! "Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll" (Lk 2, 10) – das will auch ich in dieser Nacht tun, so wie es der Engel den Hirten auf den Fluren Bethlehems zugerufen hat. Ich sage es aber mit Worten, die manchen von Ihnen ebenso vertraut sind, wie es den Hirten mit den Begriffen von der Stadt Davids, dem Retter, dem Messias, dem Herrn, in den Ohren klang. Ich zitiere einen in Gelsenkirchen bekannten Gesang: "Ich bin für dich geboren; ich hab’ mein Herz verloren". Sie mögen schmunzeln, weil Sie Schalke-Fan sind und in diesen Worten "Ihren" Gesang wiedererkennen. Vielleicht ärgern Sie sich auch ein wenig, weil Sie einer anderen Mannschaft, Borussia oder Werder Bremen oder wem auch immer den Vorzug geben. Aber ist es nicht merkwürdig, liebe Schwestern und Brüder, dass die begeisterten Anhänger von Schalke ein solches Lied singen, das sie gewissermaßen mit dem Fußballverein identifiziert: "Ich bin für dich geboren; ich hab’ mein Herz verloren"? So tief kann die Verbundenheit von Menschen mit einem Hobby, mit einer Gruppe, mit einem Fußballclub gehen, dass der Einzelne sich fühlt, als sei er in dieser Gruppe geboren, ja er bekennt sogar, dass er an diesen Verein sein Herz verloren hat.
Und nun wage ich das Ungewöhnliche: Können Sie sich vorstellen, dass mit diesen Worten die Sehnsucht Gottes nach uns umschrieben ist? Könnte man die Weihnachtsbotschaft vielleicht nicht auch einmal in dieses Wort fassen: Gott sagt zu Dir und mir, zu uns, Er sei für uns geboren, Er habe an uns Sein Herz verloren? Aber genau das ist es doch, was der Engel den Hirten und uns allen als die große Freude des Evangeliums beschreibt: Das Kind ist geboren; und dieses Kind ist Gottes leibhaftiger Sohn. Weil Gott an den Menschen sein Herz verloren hat, deshalb wagt Er diesen Schritt. Das ist das Ungewöhnliche der Verkündigung des biblischen Glaubens: Gott kann nicht vom Menschen lassen. Deshalb wird er auch ein Kind in einer armen Krippe – und zeigt darin den Glanz Seiner ganzen Herrlichkeit, so dass, wie der Theologe Balthasar einmal gesagt hat: "Zwischen dem reichsten Glanz droben und der äußersten Armut unten vollkommene Entsprechung und Einheit herrscht". (1)

Die Hirten können das deswegen verstehen, weil der gesamte Horizont ihres Bundes-Glaubens davon geprägt ist: Gott ist ein mitgehender Gott, einer, der den Anfängen dieses Volkes, den Vätern und Müttern ihres Glaubens, die Hirten waren, nahe gewesen ist. Deshalb konnte sich Gott immer auch als ein Hirte für sein Volk verstehen der, "wie ein Hirt seine Herde zur Weide führt und sie mit starker Hand sammelt", wie der Prophet Jesaja es schon in der Zeit der ärgsten Bedrängnis Israels, im babylonischen Exil sagen konnte, und er fährt fort: "Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam" (Jes 40, 11). Selbst dann, wenn das Volk zeitweise an der Kraft Gottes zweifelte, so dass es sagen musste: "Mein Weg ist dem Herrn verborgen, meinem Gott entgeht mein Recht" (ebd. 27), durfte es doch immer wieder die Erfahrung machen: "Der Herr ist ein ewiger Gott … er wird nicht müde und matt … die, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft" (ebd. 28.31). Es ist also die immerwährende Botschaft der Propheten, der Verkünder des Glaubens Israels, dass das Volk auch dann, wenn es im Dunkel lebt, das helle Licht sehen darf, weil dieser Gott das Licht mitten in der Finsternis ist und die Kriege zerbricht. Drückendes Joch, Tragholz auf der Schulter ebenso wie der Stock des Treibers, die Soldatenstiefel verbrennen, weil Er dem Volk nahe ist, und weil dieses Volk sagen kann: "Man freut sich in deiner Nähe" (Jes 9, 2). Und damals schon kündet der Prophet an, dass dieses Licht sich verdichtet in der Geburt eines Kindes, das dem Volk geschenkt ist, das für das Volk da ist, ein Kind, das wunderbarer Ratgeber ist und starker Gott. Dieses Kind ist der starke Gott, weil Er Sein Herz an den Menschen verloren hat.
Liebe Schwestern und Brüder, das ist die Botschaft von Weihnachten. Der Apostel Paulus fasst es in dem kurzen Satz an seinen Schüler Titus zusammen, wenn er sagt: "Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten" (Tit 2, 11). In unsere Welt wird Er geboren, weil Er an uns Sein Herz verloren hat. Was sagt das über Gott! Was sagt das über den Menschen!
Papst Franziskus hat diese Wahrheit in seinem neuesten Schreiben in die Worte gebracht: "Dank der Begegnung mit der Liebe Gottes, die zu einer glücklichen Freundschaft wird, werden wir von unserer abgeschotteten Geisteshaltung und aus unserer Selbstbezogenheit erlöst. Unser volles Menschsein erreichen wir, wenn wir mehr als nur menschlich sind, wenn wir Gott erlauben, uns über uns selbst hinauszuführen, damit wir zu unserem eigentlicheren Sein gelangen".(2)
Liebe Schwestern und Brüder, damit haben wir auch eine Einladung benannt, die sich aus dieser Botschaft der großen Freude ergibt: Wenn diese Verkündigung des jüdisch-christlichen Glaubens wahr ist, wenn dieses Wort der Propheten, das in Christus zur Spitze kommt, uns wirklich erreicht, so wie die Hirten davon berührt und angestoßen wurden, aufzubrechen, um das kleine Kind in der Krippe zu suchen, dann kann daraus eine Freundschaft, eine glückliche Freundschaft werden. Dann findet Begegnung mit dem Gott statt, der Sein Herz auch an Dich verloren hat. Du kannst ahnen: Es stimmt, dass Er zu Dir sagt: "Ich bin für Dich geboren; ich hab’ mein Herz verloren". Er meint Dich und mich. Das ist die Quelle des Friedens. Ich bleibe nicht bei mir sitzen, sondern mein Menschsein wird erweitert, weil es die Dimension Gottes ahnt. Ich verkrümme mich nicht bloß in meinen eigenen Bedürfnissen, sondern ich lasse die tiefe Sehnsucht meines Herzens zu, die doch mehr will als mich selbst, die immer schon ahnt, dass es etwas Endgültiges und Ewiges geben muss, die danach verlangt, eine erfüllte Liebe zu finden.Wie gut tut es einem Menschen, von einem anderen zu hören, er habe an ihn sein Herz verloren, und wie schwer ist es, ertragen zu müssen, wenn dieser Satz seine volle Wahrheit nicht einlöst, sondern verliert, weil auf die große Zusicherung der Liebe die Enttäuschung folgt, die Erfahrung betrogen und hintergangen worden zu sein, bittere Wirklichkeit wird.
Weihnachten ist in der Tat die Herbergssuche Gottes nach uns. Er möchte in mir geboren werden. Kann ich das zulassen? Kann ich wie der alte Theologe Anselm sagen: "Lehre mich, dich zu suchen, und zeige dich dem Suchenden; denn ich vermag dich nicht zu suchen, wenn du mich nicht lehrst; ich kann dich nicht finden, wenn du dich nicht zeigst. Ich möchte dich suchen in Sehnsucht, nach dir verlangen im Suchen. Ich will dich finden im Lieben und dich lieben im Finden".(3)
So persönlich ist Weihnachten, so zart und diskret, wie es das Anklopfen an einer Tür sein kann. Es ist nicht einfach bloß damals der Abstieg Gottes in die Armut einer Krippe, sondern auch heute die Bereitschaft Gottes, in mich und mein Leben hineinzutreten, von mir aufgenommen und empfangen zu werden. Freilich kann das zu einer sehr großen Auseinandersetzung führen, weil ich nicht der Meinung bin, nur so mein volles Menschsein zu erlangen, weil ich Gott, um noch einmal Franziskus zu zitieren, es nicht erlauben kann, mich über mich selbst hinauszuführen, weil es mir wertvoller erscheint, nur an mich zu glauben und dabei die größte Sicherheit zu finden. Aber ist das nicht die Quelle des Unfriedens? Führt das nicht genau zu den Kriegen, oder sagen wir es mit den Titusbrief der heutigen Lesung zu den "irdischen Begierden", die aus der Gottlosigkeit folgen (Tit 2, 12)?
Jedenfalls ist die umgekehrte Antwort die, dass wir das Schalkelied nicht nur den Fans von Schalke überlassen, sondern dass wir es auch Gott gegenüber singen: "Ich bin für Dich geboren; ich hab’ mein Herz verloren". Dann habe ich es zwar in Gott verloren, aber gerade in Gott habe ich alles gefunden. Ich wünsche Ihnen dieses Experiment zum Weihnachtsfest als besondere Gabe. So vollziehen wir als wirkliche Christusanhänger – darf ich sagen: Als "Christus-Fans"? – die Gesänge von Weihnachten auch in unserem Leben mit, zumal wenn wir das inhaltlich ganz ähnliche, schöne Lied des großen Dichters Paul Gerhardt singen, in dem es heißt:

"Ich steh an deiner Krippe hier,
o Jesu, du mein Leben.
Ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seele und Mut, nimm alles hin
und lass dir’s wohlgefallen.

Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.

O, dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen."(4)

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen, auch im Namen meiner Mitbrüder im Bischofsamt und im Domkapitel, ein schönes Weihnachtsfest mit viel Gemeinschaft, mit schönen Geschenken, mit Harmonie und Eintracht in Ihrer Familie und in Ihrem Freundeskreis. Aber ich erlaube mir, Ihnen noch mehr zu wünschen: Eine ganz tiefe Liebe zu dem Gott, der unter uns geboren wurde, und der Sein Herz an uns verloren hat. Amen.


Anmerkungen:
(1) H. U. von Balthasar, Licht des Wortes, Einsiedeln Auflage ²1992; 18.
(2) Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium Nr. 8.
(3) Anselm, Proslogion, 1 in: Texte zur Lesehore am Freitag der ersten Adventswoche im Lesejahr II., 36.
(4) Gotteslob Nr. 256.


Quelle: kirchensite.de